Zypern wagt ein Experiment: Dialog und Gefängnis…

Die Dr. M. Benesch Unternehmensberatung wurde eingeladen, im Frühjahr 2013 im zyprischen Nikosia den Dialog als Gesprächsform und Gesprächshaltung vorzustellen. Zielgruppe waren rund 30 Personen, die in Haftanstalten unterschiedlicher europäischer Länder tätig sind (es waren dies: Malta, Ungarn, Zypern, Rumänien, Griechenland, Finnland und Polen).

Gerade in Systemen, die hierarchisch geprägt sind und in denen eine Gruppe per se „schwächer“ ist als eine andere, wird der Umgang miteinander vor enorme Herausforderungen gestellt. Dialog in einem hierarchischen System – kann das überhaupt funktionieren? Die typische Reaktion lautet: Nein, denn – hier hat David Bohm bestimmt recht: Dialog und Hierarchie vertragen sich nicht – ohne Gleichwertigkeit stirbt der Dialog. Ich gebe zu bedenken: Auch das australische Schnabeltier (Platypus) war, so gesehen, nicht „möglich“. Als Ende des 18. Jahrhunderts das erste Fell eines Schnabeltieres nach England geschickt wurde, hielt man es dort für einen Scherz. Unter anderem hielt man es deshalb nicht für möglich, weil ein eierlegendes Tier kein Säugetier sein kann. Dafür gab es keine Denkkategorie („weil nicht sein kann, was nicht sein darf“).

Der Platypus als Beispiel dafür, dass wir gut beraten sind, unser Denken neuen Kategorien des Denkens zu öffnen: Nur so können wir mit unbekannter oder unsicherer Information kreativ umgehen

Ergo: Warum ist es von vornherein ausgeschlossen, dass dialogische Kommunikation in hierarchischen Systemen funktionieren kann? Wäre es eine Denkmöglichkeit, auch Restriktionen in einem dialogischen Sinn kreativ zu nutzen, um gewisse Verbesserungen zu erreichen? Verbesserungen angeregt durch andersartige Denkkategorien, die – verglichen mit den vorherigen Prozessen – im Rahmen der Restriktionen sehr wohl wertvoll sind?

Im Rahmen des eineinhalbtägigen Workshops in der zyprischen Hauptstadt Nicosia waren derartige Restriktionen ein nicht unerwartetes Thema. Die rund 30 Teilnehmer/Innen konnten in gemeinsamen Übungen und dialogisch orientierten Gesprächsprozessen schließlich bisher nicht oder kaum reflektierte Denkkategorien öffnen, die dem Dialog in der Haftanstalt zumindest eine Chance geben.

 

Die Teilnehmer des Projeks CLAP (Convicts Liberty Aid Project) in Nikosia, Zypern